Wie oft wollte ich die letzten drei Wochen etwas schreiben, doch immer wieder kam etwas dazwischen. Ein Ausflug hier, ein Treffen da.Bier trinken im kücükpark, Konzert in Bornova, touri Action in Alcancak. Mir geht es blendend und ich fühle mich sehr wohl im türkischen Trubel.
Zwar sehne ich mich oft nach Stille, denn die ist hier rar. In dem Land in dem man die Hupe statt des Blinkers benutzt und Straßen oder Wände auch gerne einmal unter der Woche um 2 Uhr morgens aufgerissen werden. Wer Stille braucht, der muss zu Ikea sich der westlichen Dudelmusik hingeben und einen Rinder-Hot Dog essen um ein wenig Heimat zu spüren. Neben Rattan und Expedit fühlt es sich dann fast so an als wäre man in Kassel- bis die Türkische Baba-Anne von Links wild fuchtelnd einem zu verstehen gibt der Rock würde falsch sitzen.
Seit fast 3 Wochen wohne ich nun im beliebten Studentenviertel Bornova und staune immer wieder über diese Masse aus scheinbar unerklärlichen Dingen die sich ineinander fügen. Ein Chaos mit System- oder vielleicht gerade ohne? Es beginnt bei den kleinen Bussen namens Dolmus, welche in den Augen eines Fremden von einem wahllosen Anfang über eine wahllose Strecke an einem wahllosen Ziel enden. Haltestellen sind nicht ersichtlich und das Preissystem wird erst erschlossen wenn man a. gute türkisch Kenntnisse oder b. türkische Freunde hat die des englischen fähig sind. Da meine Mitbewohnerin Eda perfekt Deutsch, Englisch und Türkisch beherrscht habe ich einen deutlichen Vorteil und bin sogar bereits Dolmus gefahren inklusive einem erreichten Ziel! Am Öffentlichen Verkehrssystem kann sich jede deutsche Großstadt auf jedenfall eine dicke Scheibe abschneiden- Egal ob Schiff, Zug, Bus,Metro oder Dolmus- eine Fahrt kostet 1,75 Lira = circa 80 cent, ist 90 Minuten gültig und umsteigen von einem Bus in die Metro? gar kein Problem. Eine halbe Stunde schifffahren bei strahlendem Sonnenschein- ebenfalls nur 80 Cent. Abgebucht wird alles komfortabel von der wunderbaren “Kentkart” welche über diverse Aufladepunkte (Von Automat bis zum kleinsten Kiosk) die Türen zum unkomplizierten Izmir erkunden öffnet.
Touristen sieht man trotz allem in Izmir recht selten- was vielleicht auch erklärt, warum die Nachfrage nach einem Tourist-Office zu nichts führt und man selten auf Englisch angesprochen wird. Als Ausnahme gilt hierfür nur der quirlige Bazaar nah am Hafen in dem der 0815-Kreuzfahrtreisende aus wahlweise Deutschland, England, Spanien, Frankreich etc. seine sehr orientalischen Turkish Delights kaufen kann (quietsche süß- sonst nichts) oder für die Enkel zuhause noch schnell ein Paar Ray-Ban Brillen oder Adidas Turnschuhe einpackt.
Allgemein bemerkt man vor allem, dass sich in den Straßen- egal ob in der Hafengegend oder auf dem Parkplatz hinter Ikea- alles ums kaufen und verkaufen dreht. An jeder Ecke Stehen alte bucklige Männer die Wahlweise Su (Wasser), Sesamkringel, geröstete Maiskolben, diverse Süßspeisen, Feuerzeuge, Atatürk Schlüsselanhänger, Miesmuscheln mit Zitrone oder Taschentücher verkaufen wollen.
Hört sich wieder einmal sehr Chaotisch an, aber glaubt mir- nach einer Woche hat man sich bereits an diesen Luxus gewöhnt und das Wort- Einkaufsplanung wird einem vollkommen fremd. Denn: was man nicht bei sich hat kann man eh direkt um die Ecke für unfassbar wenig Geld erstehen. Frühstücken? wieso, wenn man in zwei Schritten für unter 5 Lira (2,50€) Wasser,belegte Brötchen und ggf. noch einen Turkish Coffee bekommen kann.
Bornova, mein Viertel scheint der Sammelpunkt aller Verkäufer, Käufer, Studenten, Arbeiter, arbeitslosen, Straßenkinder, Marktschreier, alter Frauen und Erasmus Studenten zu sein. Super Quirlig und authentisch. Bar reiht sich an Bar, Coffe-Shop an Türkisches Tee haus an Restaurant an Klamottenladen. Alles ist bunt und dröhnt einem in den ersten Paar tagen ziemlich im Kopf aber nach knapp einer Woche kann ich sagen, dass ich es großartig finde!
Besonders bemerkenswert ist die Gastfreundschaft hier. Alle Türken egal ob mit englisch Kenntnissen oder nicht freuen sich über Kommunikation. Die kleinste Vokabel sei es ein “teschekküler” (Danke) oder “bir bira lütfen” (ein bier bitte) werden mit einem riesigen grinsen und anerkennendem Kopfnicken belohnt. Sollte man sich gar auf Deutsch unterhalten kann man damit rechnen sogar noch von dem ältesten Herren angesprochen zu werden, der einem (auf türkisch natürlich) am liebsten alles erzählen würde, was er über Deutschland je gehört und gelesen hat oder welcher seiner Enkelsöhne in Hannover, Düsseldorf oder Berlin lebt.
Meinen ersten Sonnenbrand habe ich auch schon bekommen. Es wird hier momentan tagsüber, besonders gegen 13/14 Uhr noch um die 35°C heiß, was allerdings sogar überraschend erträglich ist, da Izmir im Sommer von einem ziemlich erfrischenden Meereswind gesegnet ist. Ich muss sogar gestehen, dass ich heute gegen 19 Uhr leicht gefröstelt habe-beim Blick auf das Thermometer waren es allerdings sogar noch 25°C also gucken wir mal was der Winterwind so bringen wird.
Ich schicke viele sonnige Grüße in eure Richtung auf dass ein paar Sonnenstrahlen bei euch ankommen mögen..